Main-Post
Main-Spessart, 28. September 2007

Plädoyer für die leistungsorientierte Schule

FDP-Bewerber wünscht sich Modellprojekte in Main-Spessart und eine andere Trasse für die B 26neu

Aufbruchsstimmung herrscht bei der FDP im Landkreis Main-Spessart. Die Kandidatur von Professor Reiner Hellbrück um den Landratsposten, die Zielsetzung des Kreisvorsitzenden Volkmar Göbel bei den angestrebten Kreistagsmandaten...

...und die Ankündigung eines eigenen Direktkandidaten für die Landtagswahlen im Herbst 2008 sind deutliche Zeichen dafür, dass sich die Partei nach der Auflösung der Listenverbindung mit den Freien Bürgern kommunalpolitisch profilieren will.

Frage: Die FDP war in Listenverbindung mit den Freien Bürgern und 6,3 Prozent der Stimmen nach der Wahl 2002 im Kreistag mit drei Kreisräten vertreten. Wie lautet  Ihr Ziel für die reine FDP-Liste bei der Wahl 2008?

Volkmar Göbel: Das Ziel ist eindeutig formuliert, das ist die Fraktionsstärke. Wir wollen mit fünf Kreisräten in den Kreistag einziehen, um dann auch an allen Ausschüssen mitzuarbeiten.

Mit welcher der im Kreistag vertretenen Parteien und Gruppierungen können Sie inhaltlich voraussichtlich am besten?

Göbel: Das ist eine sehr spannende Frage. Da die anderen Parteien bis jetzt noch nicht klar definiert haben, für welche Schwerpunkte sie stehen, ist eine Antwort schwierig. Wir müssen den Ausgang der Wahl abwarten.

In welchen Städten und Gemeinden tritt die FDP mit eigenen Kandidaten oder in Listenverbindungen an? Im Sinngrund kam Ihre Liste vor fünf Jahren ja teilweise auf über 30 Prozent.

Göbel: Die guten Resultate lagen an den beiden Noch-Kreisräten der Listenverbindung, die aus diesem Bereich kommen. Nach der Kommunalwahl wollen wir FDP-Ortsverbände in den ehemaligen Kreisstädten aufbauen. Für eigene Bürgermeisterkandidaten sind wir jetzt zu spät dran; wir müssen unsere Organisation da erst noch aufbauen.

Wird der Landratskandidat Prof. Hellbrück auf der Kreistagsliste ganz vorne stehen und dieses Mandat dann auch in jedem Fall annehmen?

Prof. Reiner P. Hellbrück: Das mit der Platzierung haben andere zu entscheiden, aber ich gehe davon aus, dass es so sein wird. Das Mandat nehme ich selbstverständlich an.

Ein Mitbewerber um den Landratsposten hat Ihnen öffentlich vorgeworfen, Politik für Bund und Land zu machen, lokalpolitisch aber nichts auf der Pfanne zu haben. Was halten Sie Ihren Kritikern entgegen?

Hellbrück: Die Themen, die wir haben, sind kreisbezogen. Das erste Thema ist die leistungsorientierte Schule, da wollen wir Modellprojekte machen. Es ist eigentlich verrückt, dass man so etwas etablieren muss, denn man sollte davon ausgehen, dass wir eine leistungsorientierte Schule haben, aber dem ist offensichtlich nicht überall so. Und das Zweite ist die Herstellung einer bedarfsgerechten Infrastruktur, die unter anderem die alternde Bevölkerung im Landkreis berücksichtigt.

Sie sprachen kürzlich davon, man müsse im Landkreis Main-Spessart eine „soziale Infrastruktur“ schaffen...

Hellbrück: Das sind zwei Sachen. Das eine ist die medizinische Betreuung und das andere sind die notwendigen Dinge des alltäglichen Lebens. Viele ältere Mitbürger haben ja heute schon Probleme, ihre Einkäufe ohne Auto und ohne Hilfe von anderen zu besorgen. Es ist nicht möglich und nicht wünschenswert, alle alten Leute in Altersheimen unterzubringen. Also müssen wir die Probleme, die sie beschäftigen, anders lösen.

Auf der medizinischen Seite erwarten wir einen deutlichen Rückgang bei der hausärztlichen Versorgung. Speziell die ländlichen Gebiete im Landkreis Main-Spessart werden da betroffen sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Lücken zu schließen. Da müssen schon heute zukunftsorientierte Gespräche mit allen Partnern geführt werden.

Die FDP wird im Herbst 2008 wieder den Sprung in den Bayerischen Landtag versuchen. Wird die Partei im Stimmkreis Main-Spessart mit einem Direktkandidaten antreten?

Göbel: Wir werden zum rechten Zeitpunkt einen Direktkandidaten aus unserer Mitte aus dem Main-Spessart-Kreis auswählen.

Der ist aber nicht zufällig jetzt bei unserem Gespräch mit von der Partie?

Göbel: Er könnte dabei sein. Schaun wir mal, wie der Bayer sagt.

Die FDP gilt nicht unbedingt als die Partei des „kleinen Mannes“. Wo sehen Sie Ihr Wählerklientel?

Göbel: Das ist ein Vorurteil, das immer über die FDP kolportiert wird. Die FDP ist aber im kommunalen Bereich beileibe nicht die Partei der Besserverdienenden und der Elite, sondern greift speziell hier im Landkreis die Themen des kleinen Mannes auf. Bei uns ist auch jeder willkommen, egal was er macht, sofern er die grundsätzlichen Positionen der Liberalen vertritt.

Prof. Hellbrück, sind Sie als Einwohner von Urspringen von einer B 26neu mit Anschluss bei Duttenbrunn eher begeistert oder fürchten Sie eher um die Wohnqualität Ihrer Familie?

Hellbrück: Zur B 26n habe ich vor allem als Ökonom eine Meinung: Die Trasse ist in ihrer jetzigen Planung ökonomisch nicht sinnvoll. Was überhaupt nicht gut angebunden ist, das ist Lohr. Eine Anbindung bei Duttenbrunn bringt nichts. Wir brauchen eine Trasse über Lohr und Rohrbrunn oder Weibersbrunn. Wenn eines Tages mal über die Zukunft einer Firma und ihrer Arbeitsplätze beraten wird, dann ist die Anbindung an die B26n vielleicht das i-Tüpfelchen bei der Entscheidung.

Bildung ist ja Ihr Spezialgebiet. Was halten Sie für sinnvoller: Den Erhalt der Schule auf dem Dorf oder die Bündelung in regionalen Schulzentren?

Hellbrück: Wenn wir es schaffen, beispielsweise über alternative Nutzungen, also etwa durch Vermietung nachmittags oder abends, die Finanzierung der Schulgebäude sicherzu-stellen, dann bin ich natürlich für die wohnortnahe Schule. Aber uns sollte ein anderer Aspekt mehr beschäftigen und da komme ich vom Ergebnis her und das muss lauten: Wir brauchen für die Wirtschaft qualifizierte, international wettbewerbsfähige Fachleute. Und aus diesem Ziel heraus möchte ich über die Schule entscheiden. Da kann es so ausschauen, dass man zur Verbesserung der Lehre möglicherweise zentralisieren muss. Das Problem ist nämlich nicht die Quantität, sondern die Qualität.

Wo fehlt's aus Ihrer Sicht?

Hellbrück: Was wir in Main-Spessart brauchen sind mehr mathematisch-naturwissenschaftlich ausgebildete Leute über alle Qualifikationsstufen hinweg – vom Handwerker über Techniker und Meister bis hin zu den Ingenieuren. Das alles brauchen wir, wenn wir hier weiter so erfolgreich sein wollen wie wir es momentan sind.

Wie stehen Sie zur Privatisierung von Kreiseinrichtungen, beispielsweise der Krankenhäuser?

Hellbrück: Das mit den Krankenhäusern ist eine ganz schwierige Sache. Wir müssen schauen, was an bedarfsgerechter Versorgung sinnvoll ist und was nicht. Zugleich müssen wir die Kostenseite sehen. Wenn Defizite entstehen und wir die Kreisumlage nicht erhöhen wollen, dann müssen wir an anderer Stelle etwas einsparen. Privatisierung hat aber nicht erste Priorität, entscheidend ist das Ergebnis. Die Organisationsform zu verändern kann unter Umständen die Sache sogar verschlechtern.

Können Sie sich vorstellen, mal für den Gemeinderat in ihrem Heimatort Urspringen anzutreten?

Hellbrück: Ich glaube eher nicht. Kreistag ja, außerdem arbeite ich in drei FDP-Ausschüssen mit – irgendwo muss man mal ne Grenze ziehen.

Zur Person

Dr. Volkmar Göbel

Der am 2. September 1959 in Würzburg geborene Volkmar Göbel ist seit 2002 Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Main-Spessart. Göbel ist Zahnarzt mit eigener Praxis in Gössenheim (seit 1988) und Mitbegründer des Fördervereins des Johann-Schöner-Gymnasiums Karlstadt, den er seither auch leitet. Im Jahr 2000 erfolgte der Eintritt in die FDP. Hier ist der Mediziner stellvertretender Vorsitzender im Landesfachausschuss Gesundheit, Beisitzer und seit 2004 Gesundheitspolitischer Sprecher des Bezirksverbandes.

 

Prof. Dr. Reiner P. Hellbrück Aus dem Saarland stammt der am 31. August 1958 geborene Reiner Hellbrück. Der gelernte Energieanlagenelektroniker erwarb über den zweiten Bildungsweg das Abitur, studierte Wirtschaftswissenschaften und spezialisierte sich auf Gesundheitsökonomie. Nach einigen Jahren in der Wissenschaft sowie in der AOK-Zentrale kam Hellbrück im Jahr 2000 an die FH Würzburg-Schweinfurt, wo er den Lehrstuhl für Volkswirtschaftspoltik und Betriebsstatistik innehat. In der FDP ist Hellbrück, der mit Frau und zwei Söhnen in Urspringen lebt, seit Juli 2007.


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